AZORENHOCH

3. February 2017



Graciosa, die Liebliche, ist die zweitkleinste Insel der Azoren. An das Stromnetz war das Eiland mitten im Nordatlantik nie angeschlossen. Jetzt strebt die Insel nach Energieautonomie: Dazu ersetzt Duarte Silva die Dieselgeneratoren durch Windkraft, Sonne und einen großen Batteriespeicher.

 

Für die letzte Etappe nach Graciosa müssen Reisende auf der Nachbarinsel Terceira in eine kleine Propellermaschine steigen. Dann geht es in nur 20 Minuten auf die zweitkleinste Insel der Azoren – einem Archipel mitten im Atlantik, etwa 1.400 Kilometer westlich von Portugal und 4.400 Kilometer östlich von Nordamerika. An Bord der Maschine sind viele Bewohner und wenig Besucher: Eine ältere Dame kommt gerade von einer Zahnbehandlung auf der Hauptinsel zurück, eine Gruppe Vierzehnjähriger von einem Fußballspiel. Seit einiger Zeit fliegen hier aber auch immer wieder Ingenieure mit – wie der junge Elektroingenieur Duarte Silva. Er wuchs auf Graciosa auf, studierte in Porto und kehrte für ein großes Projekt auf seine Heimatinsel zurück: die Energiewende auf Graciosa. „Wir haben hier die Chance, etwas Grundlegendes zu verändern. Graciosa soll künftig völlig autonom den Großteil ihrer Energie regenerativ erzeugen“, sagt Silva mit offenkundiger Begeisterung. Vergleichbare Projekte gab es zwar auch schon auf anderen Inseln, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Stets sind diese Inseln per Kabel mit dem Festland verbunden – und damit nicht wirklich energieautark, weil das Netz auf dem Festland stabilisiert wird. Nicht so auf Graciosa.

 

Bis Sommer 2016 war Silva als Projektmanager am Aufbau der Anlagen beteiligt. Dann erhielt er von der Betreiberfirma Graciólica – die vom Initiator des Projekts, dem Berliner Systementwickler Younicos gegründet worden war – das Angebot, als Betriebsleiter auf der Insel zu arbeiten. „Eigentlich wollte ich ins Ausland gehen. Aber als ich das hörte, konnte ich nicht nein sagen. Das hier ist ja meine Insel“, berichtet Silva. Obwohl ihm die Rückkehr nicht unbedingt leicht fiel. „Ich musste schon einen Moment überlegen, denn ich habe ja auf dem Festland studiert und die Welt dort kennengelernt. Das Leben hier ist schon anders.“ Graciosa hat gerade einmal 4.200 Einwohner, die hauptsächlich von Fischfang und Viehhaltung leben – auf Graciosa gibt es mehr Kühe als Menschen.

Silvas neuer Arbeitsplatz befindet sich außerhalb des Hauptortes Santa Cruz direkt neben den alten Dieselgeneratoren in einem unscheinbaren, mit grauen Verbundplatten verkleideten Neubau: der „Batteriezentrale“. In sieben Kilometern Entfernung, im Bergland der Insel, stehen fünf Windräder mit einer installierten Gesamtleistung von 4,5 Megawatt. Der dort erzeugte Strom wird mit einer Spannung von 15 Kilovolt zur Batteriezentrale geleitet. In direkter Nachbarschaft breitet sich zur Küste hin eine Photovoltaik-Anlage aus, die ein weiteres Megawatt beisteuert.

 

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